

Ein Jahr Stationsbesuche - unser Rückblick
Seit einem Jahr gehen wir nun regelmäßig einmal im Monat auf die kinderkardiologische Station der Uniklinik Münster um betroffenen Familien zur Seite zu stehen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie Eltern sich fühlen, die dort Tage, Wochen, oder sogar Monate am Bett ihrer herzkranken Kinder wachen. Die Station ist ein eigenes Universum - die Welt dort draußen - die Welt der anderen, die Welt der Eltern mit gesunden Kindern - ist Lichtjahre entfernt. Was dort draußen passiert – Kriege, Wahlen, Raubüberfälle, Sportrekorde – das alles berührt einen nicht, man nimmt es höchstens wie durch Watte wahr.
Das Kind ist das Zentrum aller Gedanken, Sorgen und Hoffnungen. Man begleitet es bei Untersuchungen, unterstützt es bei den Mahlzeiten, tröstet es bei Schmerzen und ängsten, versucht Langeweile und Ungeduld zu vertreiben, Freude und Lebenslust zu wecken, etc. Aber abends, wenn alle etwas zur Ruhe kommen, kann man vielleicht selbst etwas Trost gebrauchen.
Deshalb haben wir unsere Stationsbesuche auf die Abendstunden gelegt. Wir gehen zu den Eltern, stellen uns kurz vor, und bieten ein Gespräch an. Die meisten Eltern verhalten sich zunächst höflich ablehnend. Sie sind schon ausführlich beraten worden, möchten sich keinen „Fremden“ offenbaren, sind evtl. misstrauisch ob sie als neue Mitglieder geworben werden sollen.
Diese Anfangsbarrieren sind aber meist schnell überwunden, wenn die Eltern merken, dass auch wir Betroffene sind. Wir waren genau da, wo die Eltern jetzt stehen – hoffend und bangend von einem Tag zum nächsten. Es tut gut zu merken, dass es auch für Familien mit herzkranken Kindern ein Leben ohne Klinik gibt; dass irgendwann eine gewisse Normalität einkehrt; dass irgendwann aus dem kranken, verkabelten, an Infusionsschläuchen hängenden Baby ein lebenslustiges, neugieriges Schulkind wird. Diese Perspektive wollen wir mit unseren Besuchen öffnen.
Unsere Gespräche mit den Eltern verlaufen oft sehr persönlich. Wir sind keine Psychologen oder Sozialpädagogen – wir wahren keine professionelle Distanz. Wir bangen mit, wenn der OP-Termin bevorsteht; wir ärgern uns mit, wenn Elternsorgen nicht ernst genommen werden; wir freuen uns mit, wenn eine Entlassung in Aussicht steht - und ab und zu müssen wir auch die Tränen unterdrücken, wenn das Leid uns zu sehr berührt. Wir sagen den Eltern, dass sie ihre Sache gut machen. Wir unterstützen sie, so gut es eben geht.
Auch wenn das sprichwörtliche geteilte Leid sicherlich nicht das halbe Leid ist, so glauben wir doch, dass unser Angebot von den Eltern positiv angenommen wird. Die meisten Eltern sind dankbar und freuen sich über unsere Gespräche. Andere sind nicht bereit für einen Austausch – und auch dafür haben wir vollstes Verständnis. In diesem einen Jahr haben wir viele Erfahrungen gemacht. Um die zu verarbeiten tauschen wir uns regelmäßig aus. Unser Fazit ist: Wir mach auf jeden Fall weiter!
11/2007
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